Warum ich glaube
Ester Linnert
Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?
(Matthäus 16,26)
Mein Mann Ralf und ich sind beide getauft, konfirmiert und kirchlich getraut, und waren bis im Frühjahr 2003 beide Mitglied der ev. Landeskirche. Kirchgänge nicht nur zu Weihnachten und Ostern, sondern doch eher regelmäßig. Wir wussten so einiges über Gott und Jesus (der Heilige Geist hingegen war immer eine höchst suspekte Größe...), glaubten an deren Existenz, aber kannten keine Person der Gottheit. Und das war für uns auch ziemlich lange ziemlich in Ordnung so. Wir schlossen unsere Ausbildung ab, bauten an unserer beruflichen Karriere (Zimbabwe, Cairo, Hongkong, Manila, ...), und waren's zufrieden - an der Oberfläche. Recht bald waren wir uns auch einig, dass uns der Beruf immens wichtig sei und wir deshalb mit Kindern besser noch warten wollten. Nach einigen Jahren waren wir in solch einer guten Position und derart eigensüchtig - wir konnten ja jahrelang so leben wie wir wollten (und uns das auch finanziell recht gut leisten), dass die Pläne einer Familiengründung endgültig abgehakt wurden. Wir waren so in unseren Beruf verstrickt, dass wir zunächst ganz still den Freundeskreis verloren, danach beinahe den Kontakt zu unseren Familien und schließlich uns selbst.
Karriere und Lebensstil waren unsere Götter geworden, für die uns kein Opfer zu kostbar erschien. Schließlich war nichts anderes mehr existent. Wir arbeiteten 7 Tage die Woche, hatten alles was "der Welt" als erstrebenswert gilt, erreicht, lebten auf 350 m² mit Pool, Garten, Fahrer und weiß uniformiertem Hauspersonal.
Von außen war alles auf Hochglanz, aber im Inneren waren wir tot. Alles was im Leben eines Menschen wirklich und beständig von Wert ist, für inneren Halt, Sicherheit und Zufriedenheit sorgt, zerbrach vor unseren Augen, und der Verfall schien durch nichts aufzuhalten zu sein. Im Gegenteil. Verzweifelte Versuche, uns selbst zu retten scheiterten kläglich und schienen den Verfall nur noch zu beschleunigen. Am Ende blieben nur Trümmer. Unsere Ehe und unser Leben war nur noch eine einzige Quälerei. Grimmiger Streit wechselte sich ab mit virulenter Gleichgültigkeit. Jeder von uns ging schließlich seinen eigenen Weg, wobei der andere nur noch störte. Die Situation war so hoffnungslos und unerträglich geworden, dass uns nur noch die gemeinsame Karriere zusammen hielt, denn schließlich waren wir ja ein doch ziemlich erfolgreiches Betriebsleiter-"Ehepaar" das sich die Verantwortung für einen Betrieb mit 1500 Näherinnen und das Büro teilte, und hatten es - zumindest beruflich- geschafft.
Aber das Vakuum, das wir alle in uns tragen, und das von Gott gefüllt werden will, schmerzte zunehmend, ohne dass uns bewusst war, was in unserem Leben fehlte. Das seelische und emotionale Elend, in welchem sich jeder von uns damals befand, ist nur schwer in Worte zu fassen. Eines Abends, am 08. April 1998, hatte ich den Höhepunkt der Verzweiflung erreicht. Ich saß im Badezimmer auf der Treppe und heulte mir das Herz aus dem Leib: ich hatte die Welt gewonnen und war dabei, meine Seele zu verlieren.
Mir war plötzlich klar, dass nichts von Wert übrig bleiben würde, wenn ich meinen gut dotierten und mit viel Macht ausgestatteten Job, die Bankkonten, die Villa und das ganze Drumherum streichen würde. Ich begriff, dass ich meine Ehe (die an Vernachlässigung zerbrochen war), meine Kinder (die ich nie geboren hatte), meine Familie und Freunde (deren Treue ich jahrelang überstrapaziert hatte) und -meinen Glauben (denn dass Gott existiert, wusste ich immer schon, seit ich ein kleines Mädchen war)- auf dem Altar des Mammons geopfert hatte. Nicht einmal Spuren würde ich hinterlassen, wurde ich jetzt tot umfallen. Darüber hinaus war ich auch mit meinen Kräften total am Ende -eine 80-Stunden-Woche über dreieinhalb Jahre hinweg bleibt nicht ohne Folgen.
In meiner Not und Ausweglosigkeit schrie ich zum HERRN und habe Ihn angefleht, Er möge entweder mich aus dieser Welt aussteigen lassen, oder aber mein Leben in Seine Hände nehmen, da ich selbst es gründlich verpatzt hatte und wusste, ich kann es nicht aus eigener Kraft in Ordnung bringen. Plötzlich tauchten vor mir alle meine eigenen Fehler und Versäumnisse auf. Es war als ob sich ein schwerer Vorhang auftat und ich zum ersten Mal begriff, was alles falsch gelaufen war, wo ich versagt hatte und auch an meinem Mann schwer schuldig geworden war. Ich war tief bis ins Mark meiner Seele erschüttert und konnte GOTT nur noch um Vergebung bitten, denn mir war plötzlich klar, dass ich zu aller erst gegen IHN schuldig geworden war. Von einem Augenblick zum Nächsten war ich ruhig und von einem ganz tiefen Frieden erfüllt. Ich hatte Gewissheit, dass von nun an GOTT mein Leben führen würde wie ER es für richtig hält und ich wusste, dass dies zu meinem Besten sein würde. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie das aussehen sollte und was aus meiner kaputten Ehe werden würde, aber ich wusste dass dies von nun an nicht mehr in meiner Verantwortung lag, sondern allein in GOTTES Hand, und dass es jetzt gut war.
Ich war angekommen - endlich daheim …
Plötzlich war ich ein völlig neuer Mensch. Ich war "wie ausgewechselt". Dinge, die bis gestern noch höchste Priorität hatten, waren plötzlich völlig unerheblich. Was mich früher langweilte interessierte mich auf einmal brennend. Ich wollte wissen, wie "Mensch" GOTT gefallen kann. Ich wollte nur noch so sein, dass GOTT sich von Herzen über mich freuen kann und es IHN nicht reuen muss, dass ER mich gemacht hat. Noch die Tage zuvor stand ich unter permanentem Hochdruck, enormer Spannung. Und nun hatten mich plötzlich eine Unerschütterlichkeit und ein Frieden ergriffen, den ich mir selbst nicht erklären konnte und der bis heute in mir ist. Erst viel, viel später lernte ich, was tatsächlich am Abend dieses 08. Aprils auf der Treppe in meinem Badezimmer passiert war ... ich war wiedergeboren!
Nach der doch sehr dramatischen Wende in meinem Leben hat sich eine Woche später, am 15. April 1998, auch Ralf für ein Leben mit unserem HERRN JESUS CHRISTUS entschieden. Sobald auch er diesen Schritt gemacht hatte, konnte GOTT in nur einem Lidschlag die tausend Scherben unserer Ehe nehmen und sie zu einem wunderbaren, neuen Gefäß zusammen fügen, Verletzungen heilen und Verhärtungen lösen. ER hat in nur einem einzigen Augenblick aus unseren Herzen Wut, Gleichgültigkeit und Zwietracht genommen, und dafür eine tiefe Liebe füreinander, Wertschätzung, und Harmonie hinein gelegt. Am nächsten Arbeitstag zurück in der Firma nahm Gott uns beiden zuerst einmal unsere hochbezahlte, mit enorm viel Ansehen und Macht ausgestattete Position. Aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, ohne ersichtlichen Grund wurde uns die ordentliche Kündigung ausgesprochen. Cirka sechs Wochen später verließen wir völlig entspannt und ganz ohne „Blick zurück im Zorn“ die Philippinen.
Wieder daheim in Deutschland haben wir uns eine lange Auszeit gegönnt und dabei mit unseren eigenen Händen unser Haus von Grund auf umgebaut und völlig neu gestaltet. Es haben sich neue Freundschaften entwickeln können, und wir bauten wieder langsam eine Beziehung zu unseren Familien auf. Während dieser Zeit haben wir von unseren Ersparnissen leben dürfen. Frisch angekommen, "stolperte" ich über die Radio-Mission von Transworld Radio. Dieser Sender hat uns von diesem Moment an täglich begleitet und wir haben während dieser Zeit so immens über unseren Glauben lernen dürfen wie das wohl in den ganzen 30 Jahren zuvor nie möglich gewesen wäre. Ganz besonders gesegnet wurden wir durch regelmäßige Sendungen von solchen exzellenten Lehrern wie z.B. John MacArthur, Chuck Swindoll, Charles Stanley, David Pawson, Vernon McGee, Ravi Zacharias, Derek Prince. Wir begannen -Ohr am Radio und Bibel in der Hand-, das Wort Gottes zu entdecken und im Glauben zu wachsen, und ich danke dem Herrn noch heute für diese Gnadenzeit. Wie zwei ausgehungerte verschlangen wir das gehörte und gelesene.
Während dieser Zeit ist auch ein sehr großes Audio-Archiv entstanden, denn wir haben uns vieles auf Kassetten aufgenommen, sozusagen als "Nahrung für später", falls uns GOTT vielleicht einmal in die "Wüste" - sprich die Mission schicken würde. Wir haben zu unserem Neuen Leben als Beigabe noch diese 1½ Jahre des Entdeckens geschenkt bekommen. Wem widerfährt so etwas! So großartig ist unser VATER! ER hat uns nicht nur ein Neues Leben geschenkt, sondern uns obendrein all die Jahre zurückgegeben, die die Heuschrecken zuvor fraßen.
"Und ich werde euch die Jahre erstatten, die die Heuschrecke, der Abfresser und der Vertilger und der Nager gefressen haben" (Joel 2:25)
Ralf hat inzwischen die Wohnung bezogen, die JESUS CHRISTUS für ihn vorbereitet hat. Der Plan, den GOTT für sein Leben hatte, war am 13 Juli 2005 erfüllt, der Tag an dem Ralfs Name aufgerufen wurde.
Ich bin nun neugierig, wie es weiter geht, was der HERR mit mir vor hat, wo ER mich haben will. Auf jeden Fall bleibt es spannend, mit GOTT unterwegs zu sein, und wer weiß denn schon, ob wir den nächsten Jahreswechsel überhaupt noch hier miterleben, vielleicht werden wir schon in Kürze weggenommen...wäre schön. Ich stelle mir das oft vor, wenn ich Ralfs Grab besuche, wie es wohl wäre, wenn sich jetzt, während ich da stehe, die Gräber öffnen, denn ich stehe ja nicht wirklich auf einem Gräberfeld sondern auf einem Auferstehungsgrund!
Packend, mit Gott unterwegs zu sein, und tut es auch manchmal sehr weh, durch Feuer geläutert zu werden ist es doch gut zu wissen, daß, wenn wir im Feuerofen sind, ER SEINE Hand am Thermostat und SEIN Auge auf der Uhr hat.
Gott segne Euch, SEINE & Eure Ester